Der verbliebene Kühlturm ist Teil eines über Jahrzehnte gewachsenen Brutstandorts mit mehreren hundert dokumentierten Mehlschwalbennestern. Diese Konzentration macht den Standort zu einer der größten bekannten Mehlschwalbenkolonien in Hessen und zu einem bundesweit außergewöhnlichen Brutplatz.
Mehlschwalben zählen zu den besonders geschützten Arten und sind in hohem Maße standorttreu. Sie kehren nach ihrem Zug aus den Überwinterungsgebieten in Afrika jedes Jahr gezielt zu denselben Brutplätzen zurück. Die Art weist zudem eine vergleichsweise kurze durchschnittliche Lebenserwartung von nur wenigen Jahren auf und ist deshalb zwingend auf einen jährlich erfolgreichen Bruterfolg angewiesen. Der Wegfall bewährter Niststätten ohne funktionierende, angenommene Alternativen kann daher bereits innerhalb einer Brutsaison zur Auflösung der gesamten Kolonie und zu einem dauerhaften lokalen Bestandsverlust führen.
In den vergangenen Jahren wurden auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Biblis Ausgleichsmaßnahmen in Form künstlicher Schwalbentürme errichtet. Nach den derzeit vorliegenden Erkenntnissen gibt es jedoch bislang keinen Brutnachweis und keine nachgewiesene Annahme dieser Ersatznistangebote. Da somit weder eine Nutzung noch eine funktionale Gleichwertigkeit belegt ist, kann aus fachlicher Sicht derzeit nicht davon ausgegangen werden, dass die ökologische Funktion der betroffenen Fortpflanzungsstätten bereits ausreichend gesichert ist.
Der NABU Bergstraße weist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hin, dass nach den Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen (sogenannte CEF-Maßnahmen) ihre Wirksamkeit vor der Zerstörung bestehender Fortpflanzungs- oder Ruhestätten entfalten müssen. Gerade bei einer Kolonie dieser Größenordnung und Bedeutung ist eine besonders sorgfältige, fachlich belastbare Prüfung unerlässlich. Entscheidend ist dabei, dass artgerechte Alternativen nicht nur vorhanden sind, sondern von den Tieren nachweislich angenommen werden und den ökologischen Anforderungen der Mehlschwalben entsprechen. Dazu zählen insbesondere ausreichend hohe, prädatorensichere und klimatisch geeignete Nistmöglichkeiten mit freiem Anflug im unmittelbaren räumlichen Zusammenhang.
Vor diesem Hintergrund warnt der NABU Bergstraße eindringlich davor, durch vorschnelle irreversible Maßnahmen eine Mehlschwalbenkolonie von herausragender Bedeutung zu gefährden. Der gesetzliche Artenschutz dient ausdrücklich dem Erhalt funktionierender Populationen – nicht allein der formalen Schaffung von Ersatzstrukturen.
Im Vorfeld der angekündigten Übergabe einer Unterschriftenpetition am 15. Januar 2026 an Landrat Christian Engelhardt in Heppenheim weist der NABU Bergstraße darauf hin, dass die Petition weiterhin öffentlich unterzeichnet werden kann. Mit mehreren tausend bereits gesammelten Unterschriften macht sie die große Sorge in der Bevölkerung um den Erhalt dieser Mehlschwalbenkolonie deutlich. Die Übergabe soll die Dringlichkeit des Anliegens unterstreichen und den zuständigen Behörden die Möglichkeit geben, die aktuelle Sach- und Rechtslage nochmals kritisch zu bewerten. Der NABU Bergstraße begrüßt dieses bürgerschaftliche Engagement ausdrücklich und appelliert an alle verantwortlichen Stellen, die verbleibende Zeit zu nutzen, um tragfähige, fachlich belastbare und rechtssichere Lösungen zum Schutz der Mehlschwalben zu gewährleisten.
Petition zum Schutz der Mehlschwalben am AKW Biblis – Kurzüberblick
Eine öffentliche Unterschriftenpetition macht auf die Gefährdung der vermutlich größten
Mehlschwalbenkolonie Hessens aufmerksam. Ziel ist es, wirksame und fachlich geeignete
Schutzmaßnahmen sicherzustellen, bevor bestehende Brutstätten verloren gehen.
Ziel der Petition
Sicherstellung artenschutzrechtlich wirksamer Ausgleichsmaßnahmen für die Mehlschwalben am AKW Biblis vor dem geplanten Abriss des letzten Kühlturms.
Zeitlicher Rahmen
Die Petition läuft weiterhin und kann auch im Vorfeld der
Petitionsübergabe am 15. Januar 2026 noch unterzeichnet werden.
Zur Petition
Informationen zur Petition sowie zur Möglichkeit der weiteren Unterstützung finden sich unter:
openpetition.de/mehlschwalbenrettung
Hinweis: Die Petition richtet sich an die zuständigen Behörden und soll dazu beitragen, eine erneute fachliche Prüfung der Situation sowie gegebenenfalls ergänzende Schutzmaßnahmen für die Mehlschwalben zu ermöglichen.
Titelbild: NABU/CEWE/Christina Mertins