Über 100 Bürgerinnen und Bürger informieren sich über ökologische Funktionen der geplanten Gewerbefläche im Regionalen Grünzug

Mehr als 100 Bürgerinnen und Bürger haben am Sonntag am Aktionsrundgang von NABU Bensheim/Zwingenberg und BUND Bensheim/Zwingenberg im Bereich der geplanten Gewerbegebietserweiterung westlich des bestehenden Stubenwald II teilgenommen. Anlass ist die Planung der Städte Bensheim und Lorsch, eine rund 23 Hektar große Fläche zusätzlich zu den Vorgaben der gültigen Regionalplanung zu entwickeln. Für die Umsetzung ist eine Zielabweichung vom geltenden Regionalplan vorgesehen.

Die betroffene Fläche liegt im Regionalen Grünzug des Raumordnungsplans sowie im Bereich der kulturhistorisch geprägten Altneckarschlingen. Der Rundgang begann an der Bertha-Benz-Straße vor dem neuen Sanner-Standort und führte entlang des Randes der vorgesehenen Fläche bis an die Weschnitz, die hier die Gemarkungsgrenze zwischen Bensheim und Lorsch bildet.

An mehreren Stationen erläuterten Fachvertreterinnen und -vertreter beider Verbände die ökologischen Funktionen des Gebiets. Im Mittelpunkt stand dabei die Rolle des Bodens als zentrales Element im Naturhaushalt. Intakte Böden erfüllen eine Vielzahl miteinander verknüpfter Aufgaben: Sie nehmen Niederschläge auf, speichern Wasser in ihren Porensystemen und geben es zeitverzögert wieder ab. Dadurch tragen sie zur Regulierung des Wasserhaushalts bei und wirken ausgleichend bei Starkregenereignissen. Gleichzeitig ermöglichen sie die Versickerung und damit die Grundwasserneubildung.

Regionaler Grünzug – raumordnerische Funktion

  • Sicherung zusammenhängender Freiräume
  • Schutz von Boden- und Grundwasserfunktionen
  • Klimatische Ausgleichs- und Frischluftfunktion
  • Hochwasservorsorge durch Offenhaltung von Retentionsflächen
  • Vermeidung weiterer Zersiedelung
  • Zielabweichung nur im formal geregelten Prüfverfahren möglich

Darüber hinaus fungiert Boden als Filter- und Transformationsraum. Im Zusammenspiel aus mineralischen Bestandteilen, organischer Substanz und einem komplexen Gefüge aus Mikroorganismen werden Nährstoffe umgewandelt und Stoffe gebunden oder abgebaut. Milliarden von Bakterien, Pilzen und weiteren Mikroorganismen leben in einem einzigen Kubikmeter Boden. Diese mikrobielle Gemeinschaft ist wesentlich an Nährstoffkreisläufen beteiligt und beeinflusst die Stabilität der Bodenstruktur. Veränderungen durch Versiegelung oder starke Verdichtung wirken sich dauerhaft auf diese Prozesse aus.

Annette Modl erläutert die Bedeutung der Fläche für Wasserhaushalt und Grundwasserfunktionen im Bereich der Weschnitzniederung.

Wasser & Grundwasser – hydrologische Funktionen

  • Retention von Niederschlägen und Reduktion von Abflussspitzen
  • Versickerung und Förderung der Grundwasserneubildung
  • Entlastung von Gewässern und Kanalsystemen
  • Pufferwirkung bei Starkregenereignissen
  • Stabilisierung regionaler Wasserhaushalte
  • Dauerhafte Funktionsverluste bei Versiegelung

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der CO₂-Speicherfunktion landwirtschaftlich genutzter Böden. Über Humusbildung wird Kohlenstoff langfristig gebunden. Auch wenn landwirtschaftliche Flächen keine Primärwälder sind, übernehmen sie im regionalen Kontext eine relevante Rolle im Kohlenstoffkreislauf.

Im Zusammenhang mit dem Gewässersystem wurde auf die Nähe zur Weschnitz hingewiesen. Offene Flächen entlang von Flussniederungen erfüllen wichtige Retentionsfunktionen. Sie können bei erhöhtem Niederschlag Wasser aufnehmen oder zumindest den Abfluss verzögern. Gleichzeitig beeinflusst die Bodenbeschaffenheit die Grundwasserneubildung und damit langfristig auch die regionale Wasserversorgung.

Boden – ökologische Schlüsselkomponente

  • Speicherung und zeitverzögerte Abgabe von Niederschlägen
  • Filter- und Transformationsraum für Nährstoffe und Schadstoffe
  • Grundlage für Grundwasserneubildung durch Infiltration
  • Kohlenstoffbindung über Humusbildung
  • Lebensraum für Milliarden Mikroorganismen und Bodentiere
  • Langfristig gewachsene Struktur – nur sehr begrenzt regenerierbar

Neben boden- und wasserbezogenen Aspekten wurde die Fläche als Offenlandlebensraum betrachtet. Offenlandbereiche übernehmen ökologische Funktionen, die sich deutlich von bewaldeten oder bebauten Strukturen unterscheiden. Sie dienen als Brut-, Nahrungs- und Rastflächen für zahlreiche Vogelarten. Feld- und Wiesenvögel sind bundesweit seit Jahren im Rückgang begriffen. Ursachen liegen unter anderem in Lebensraumverlust, Intensivierung der Landwirtschaft und zunehmender Zerschneidung von Landschaftsräumen. Offene, zusammenhängende Flächen übernehmen daher eine wichtige Rolle in der Landschaftsvernetzung.

Im funktionalen Zusammenhang mit den Altneckarschlingen bildet das Gebiet einen Teil eines größeren Landschaftsraumes der Riedniederung. Solche Strukturen wirken als ökologische Achsen, entlang derer Arten wandern, Nahrung suchen oder Rastplätze finden. Die Durchgängigkeit dieser Räume ist ein wesentlicher Faktor für die Stabilität regionaler Biodiversität.

Stephan Schäfer informiert über die Bedeutung der Offenlandflächen für Feld- und Wiesenvögel. Im Hintergrund erstreckt sich das rund 23 Hektar große Areal, das im Regionalen Grünzug bebaut werden soll.

Vogelwelt im Offenland – ökologische Bedeutung

  • Brut-, Nahrungs- und Rastflächen für Feld- und Wiesenvögel
  • Sichtoffene Strukturen als Voraussetzung für Brutverhalten
  • Vernetzung zwischen Teilhabitaten im Landschaftsraum
  • Bedeutung für Zugkorridore entlang der Riedniederungen
  • Hohe Sensibilität gegenüber Zerschneidung und Störwirkungen

Auch klimatische Aspekte wurden angesprochen. Offene Böden und Vegetationsflächen tragen zur Verdunstungskühlung bei und wirken temperaturausgleichend. Versiegelte Flächen hingegen speichern Wärme und können lokal zu höheren Oberflächentemperaturen führen. In Zeiten zunehmender Hitzeperioden wird die Bedeutung unversiegelter Flächen für das Lokalklima zunehmend fachlich untersucht.

Neben den ökologischen Funktionen wurde die planerische Einordnung des Gebiets erläutert. Regionale Grünzüge dienen im Rahmen der Raumordnung der Sicherung zusammenhängender Freiräume, der Vermeidung weiterer Zersiedelung sowie dem Schutz von Boden, Wasser und Klima. Eine Zielabweichung stellt ein formal geregeltes Verfahren dar, in dem entsprechende Abwägungen vorzunehmen sind.

Der Rundgang diente der Information und dem fachlichen Austausch. Zahlreiche Teilnehmende nutzten die Gelegenheit, sich die Fläche aus nächster Nähe anzusehen, Fragen zu stellen und die Ausführungen der Referierenden zu diskutieren.

Die hohe Beteiligung unterstreicht das öffentliche Interesse an einer transparenten und fachlich fundierten Abwägung. NABU und BUND kündigten an, sich weiterhin fachlich in das Verfahren einzubringen.