Regionalplan Südhessen: Was der neue Entwurf für Natur und Gesundheit im Kreis Bergstraße bedeutet

Der Regionalplan Südhessen wird nach rund 15 Jahren neu aufgestellt. Er legt fest, wo in Zukunft gebaut werden darf, wo Gewerbe entstehen soll und welche Freiräume gesichert bleiben. Die Kommunen müssen sich bei ihren Baugebieten an diesen Vorgaben orientieren. Damit hat der Plan direkte Auswirkungen darauf, wie sich Städte und Gemeinden im Kreis Bergstraße entwickeln – und wie viel Natur dauerhaft erhalten bleibt.

Nach Angaben der Regionalplanung sollen die Flächen für Wohnen, Gewerbe und Infrastruktur begrenzt werden, um das bundesweite Ziel eines nahezu flächenneutralen Bauens bis 2050 zu unterstützen. Der NABU-Kreisverband Bergstraße sieht dieses Ziel jedoch in Gefahr. Aus naturschutzfachlicher Sicht sind die zusätzlichen Entwicklungsflächen, die einigen Kommunen eingeräumt werden, zu umfangreich. Zudem beobachten die Naturschützer, dass viele Gemeinden im Kreis weitere Flächen fordern – häufig, weil sie sich davon mehr finanzielle Spielräume für ihre Haushalte erhoffen.

Für den Kreis Bergstraße sind fünf Städte und Gemeinden als sogenannte Entlastungskommunen ausgewiesen: Bensheim, Biblis, Bürstadt, Viernheim und Zwingenberg. Ihnen wird ein größerer Entwicklungsspielraum eingeräumt. Vor allem in Bensheim wird dies intensiv diskutiert. Dort wird immer wieder argumentiert, dass neue Gewerbeflächen zusätzliche Einnahmen schaffen könnten. Aus Sicht des NABU fehlen in dieser Diskussion jedoch entscheidende Punkte: die Folgen für Natur, Landschaft und Klima sowie die langfristigen Kosten für die Allgemeinheit.

Der Verband betont, dass der Verlust unbebauter Flächen weitreichende Auswirkungen hat, die häufig erst verzögert sichtbar werden. Wenn natürliche Böden versiegelt werden, geht nicht nur ein wertvoller Lebensraum verloren. Es entsteht auch weniger Grundwasser – ein Thema, das besonders das Hessische Ried betrifft, wo bereits heute Rheinwasser künstlich eingeleitet wird, um die Grundwasserstände zu stabilisieren. Auch der Schutz vor Hochwasser wird geschwächt, wenn natürliche Rückhalteflächen verschwinden.

Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende Wärmebelastung. Versiegelte und bebaute Flächen speichern Hitze und geben sie nachts wieder ab. Kaltluftentstehungsgebiete, die für Abkühlung und Luftzirkulation sorgen, können diese Funktion nach einer Bebauung nicht mehr erfüllen. Das Robert-Koch-Institut und das Umweltbundesamt haben im Sommer 2025 erneut auf eine messbare Übersterblichkeit bei Hitzeperioden hingewiesen – ein Trend, der sich durch zusätzliche Verdichtung verstärken kann.

Auch die Böden geraten unter Druck. Ihre natürlichen Funktionen – Wasserrückhalt, Nährstoffspeicherung, Humusbildung – entstehen über Jahrhunderte, können aber bereits durch starke Regenfälle geschädigt werden. Wird ein Boden versiegelt, sind diese Funktionen dauerhaft verloren. Ähnlich betroffen sind viele Tier- und Pflanzenarten, die auf zusammenhängende Lebensräume angewiesen sind. Der Verlust von Natur hat darüber hinaus auch gesundheitliche Folgen für Menschen: Zahlreiche Studien belegen, dass Naturerfahrung Stress reduziert, das Wohlbefinden steigert und sich positiv auf die psychische und körperliche Gesundheit auswirkt.

Aus Sicht des NABU ist es deshalb notwendig, die Folgen des Flächenverbrauchs stärker in die kommunalen Entscheidungen einzubeziehen. Während Einnahmen aus Gewerbesteuern kurzfristig Vorteile bringen können, entstehen langfristig hohe Kosten durch den Verlust natürlicher Funktionen – Kosten, die heute weder bilanziert noch sichtbar ausgewiesen werden. Sie betreffen Hochwasserschutz, Klimaanpassung, die Stabilität des Wasserhaushalts, den Verlust von Erholungsräumen und die Abnahme der Artenvielfalt. Viele dieser Schäden sind kaum umkehrbar.

Böden gehören zu den wertvollsten natürlichen Ressourcen überhaupt, weil sie eine Vielzahl von sogenannten „Bodenleistungen“ erbringen – und diese Leistungen haben einen erheblichen ökonomischen Wert. Das Umweltbundesamt beziffert etwa allein die Filter- und Speicherfunktion des Bodens für unser Trinkwasser im bundesweiten Durchschnitt im dreistelligen Millionenbereich pro Jahr, da jeder Quadratmeter unversiegelter Boden zur natürlichen Reinigung und Neubildung von Grundwasser beiträgt. Die Europäische Kommission schätzt den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden durch Bodenverluste, Erosion und Versiegelung in Europa insgesamt auf über 38 Milliarden Euro, weil dadurch Wasserreinigung, Hochwasserschutz, landwirtschaftliche Erträge und klimatische Ausgleichsfunktionen beeinträchtigt werden.

Auch die Kohlenstoffspeicherung hat einen messbaren Wert: Laut Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung bindet ein Hektar gesundes Bodenökosystem im Schnitt Kohlenstoff im Gegenwert von 1.000 bis 3.000 Euro pro Jahr. Werden Böden versiegelt, gehen diese Leistungen dauerhaft verloren – und müssen später teuer technisch ersetzt oder kompensiert werden. Genau deshalb gelten Böden heute als eine der „teuersten“ Naturressourcen, deren Zerstörung gesellschaftlich deutlich mehr kostet, als kurzfristige Einnahmen durch neue Bau- oder Gewerbeflächen einbringen können.

Der NABU-Kreisverband Bergstraße appelliert daher an Politik, Verwaltung und Bürgerschaft, die laufende Beteiligungsphase zu nutzen und die Bedeutung des Regionalplans für Natur, Gesundheit und Lebensqualität ernst zu nehmen. Eine nachhaltige Entwicklung könne nur gelingen, wenn Freiflächen, Böden, Wasserhaushalt und Artenvielfalt denselben Stellenwert erhalten wie wirtschaftliche Interessen.