Jedes Frühjahr werden an den Straßen der Bergstraße tausende Frösche, Kröten und Molche eingesammelt, um sie vor dem Tod durch den Verkehr zu bewahren. Ehrenamtliche Helfer tragen sie in Eimern über die Fahrbahn, dokumentieren Fundzahlen und sichern so, was andernorts längst verschwunden ist. Dass diese Rettungsaktionen notwendig sind, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten vollzieht. Wie dramatisch die Lage inzwischen ist, wurde bei einem öffentlichen Fachvortrag zum Amphibienschutz deutlich, zu dem BUND und NABU eingeladen hatten.
Die Veranstaltung im ACHAT Hotel Heppenheim verband wissenschaftliche Erkenntnisse mit langjährigen regionalen Beobachtungen. Referenten des Abends waren Uwe Somplatzki, Vorsitzender des BUND Hemsbach-Laudenbach, sowie Silvia Fusch, Vorsitzende des NABU Heppenheim und Beisitzerin für den Amphibienschutz im NABU Kreisverband Bergstraße. Gemeinsam zeichneten sie ein Bild des Amphibienrückgangs, das in seiner Klarheit wenig Raum für Beschwichtigung ließ.
Vielfalt unter Druck
Zu Beginn des Vortrags stand die Vielfalt der heimischen Amphibien. In Deutschland kommen 19 Arten vor, darunter Froschlurche wie Erdkröte, Grasfrosch, Laubfrosch oder Kreuzkröte sowie Schwanzlurche wie Feuersalamander, Teich-, Berg- und Kammmolch. Viele dieser Arten gelten noch immer als verbreitet, doch ihre Bestände sind häufig nicht mehr stabil.
Am Beispiel des Grasfrosches wurde deutlich, wie schnell sich vermeintliche Häufigkeit relativiert. Diese Art, einst allgegenwärtig in Gärten, Wiesen und Waldrändern, hat in Teilen Südwestdeutschlands innerhalb weniger Jahre massive Verluste erlitten. Regional dokumentierte Rückgänge von bis zu 80 oder gar 90 Prozent zeigen, dass selbst anpassungsfähige Arten an ihre Belastungsgrenzen stoßen.
Allen Amphibien gemeinsam ist ihre enge Bindung an funktionierende Lebensraumketten: Sie benötigen geeignete Laichgewässer, strukturreiche Landlebensräume und sichere Wanderwege zwischen beiden. Schon kleine Eingriffe – das Zuschütten eines Grabens, die Trockenlegung einer Senke oder der Bau einer Straße – können diese sensiblen Zusammenhänge dauerhaft unterbrechen.
Die regionalen Beobachtungen fügen sich in ein globales Bild ein. Amphibien gelten heute als die am stärksten bedrohte Wirbeltiergruppe weltweit. Mehrere Dutzend Arten sind nach wissenschaftlichem Kenntnisstand sicher ausgestorben, bei Hunderten weiteren hat sich der Erhaltungszustand in wenigen Jahrzehnten erheblich verschlechtert. Der Rückgang verläuft dabei oft nicht schleichend, sondern sprunghaft: Populationen brechen zusammen, ganze Verbreitungsgebiete gehen verloren.
Auch an der Bergstraße zeigen Monitoringdaten eine besorgniserregende Entwicklung. Neben sinkenden Individuenzahlen fällt vor allem die zunehmende Zersplitterung der Vorkommen ins Gewicht. Kleine, isolierte Populationen sind anfälliger für Zufallsereignisse, Krankheiten und genetische Verarmung. Eine natürliche Erholung wird dadurch zunehmend unwahrscheinlich.
Amphibien reagieren besonders sensibel auf Umweltveränderungen. In der Ökologie gelten sie daher als Indikatorarten: Ihr Verschwinden weist darauf hin, dass grundlegende ökologische Funktionen – etwa Wasserhaushalt, Nahrungsverfügbarkeit oder Strukturvielfalt – nicht mehr gewährleistet sind.
Nahrungskette Amphibien – Schlüsselfunktion im Ökosystem
Amphibien nehmen eine zentrale Rolle in der Nahrungskette ein. Sie regulieren Insektenpopulationen und sind gleichzeitig Beutetiere für zahlreiche Vogel-, Reptilien- und Säugetierarten, darunter Störche, Reiher, Greifvögel und Ringelnattern. Eine erwachsene Erdkröte kann täglich mehrere Gramm Insekten aufnehmen – ein ökologischer Effekt, der mit dem Rückgang der Tiere zunehmend verloren geht.
Der Verlust der Amphibien wirkt sich damit weit über die Artengruppe hinaus aus. Ganze Nahrungsnetze geraten aus dem Gleichgewicht, ökologische Wechselwirkungen brechen weg. Der Vortrag verdeutlichte, dass Amphibienschutz nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern untrennbar mit dem Zustand der Landschaft insgesamt verbunden ist.
Während der Amphibienwanderung sind an zahlreichen Straßen und Gewässern im Kreis Bergstraße ehrenamtliche Helferinnen und Helfer im Einsatz. Gesucht werden weitere Unterstützende für die Kontrolle der Zäune sowie das sichere Einsammeln und Umsetzen der Tiere.
Der Einsatz ist niedrigschwellig und kann flexibel in den Alltag integriert werden. Eine kurze Einweisung erfolgt jeweils vor Ort.
Kontakt & Anmeldung: Silvia.Fusch@nabu-bergstrasse.de · WhatsApp / Signal / Telefon: 0157 564 03309
Aktuelle Bedrohungen – Ursachen eines komplexen Rückgangs
Der Vortrag machte deutlich, dass der Rückgang der Amphibien nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen ist. Vielmehr wirken mehrere Faktoren zusammen und verstärken sich gegenseitig. Ein zentraler Treiber ist der Verlust geeigneter Lebensräume. Feuchtgebiete, Kleingewässer und temporäre Tümpel verschwinden durch Bebauung, Entwässerung und intensive landwirtschaftliche Nutzung. Gleichzeitig zerschneiden Straßen und Siedlungen die Wanderwege zwischen Laichgewässern und Sommerlebensräumen. Besonders während der Frühjahrswanderung führt dies zu hohen Verlusten durch den Straßenverkehr.
Hinzu kommt der Klimawandel. Längere Trockenperioden und veränderte Niederschlagsmuster lassen Laichgewässer austrocknen, bevor sich Kaulquappen vollständig entwickeln können. Extremwetterereignisse können ganze Jahrgänge vernichten. Der Klimawandel wirkt dabei nicht isoliert, sondern verschärft bestehende Belastungen.
Eng verknüpft mit dem Amphibiensterben ist zudem der drastische Rückgang der Insektenbiomasse. Studien belegen Verluste von über 75 Prozent innerhalb von 25 Jahren. Für Amphibien, deren Nahrung überwiegend aus Insekten besteht, bedeutet dies einen chronischen Nahrungsmangel – mit direkten Folgen für Wachstum, Kondition und Fortpflanzungserfolg.
Ein weiterer Themenblock befasste sich mit Amphibienkrankheiten, deren weltweite Verbreitung maßgeblich durch menschliche Aktivitäten begünstigt wurde. Im Mittelpunkt standen zwei Hautpilzerreger der Gattung Batrachochytrium.
Der Erreger Batrachochytrium dendrobatidis (Bd) befällt vor allem Frösche und Kröten und ist inzwischen weltweit verbreitet. Er steht im Zusammenhang mit teils erheblichen Bestandsrückgängen bei mehreren hundert Amphibienarten. Die Auswirkungen variieren je nach Art und Region.
Besonders problematisch ist Batrachochytrium salamandrivorans (Bsal), der vor allem Salamander und Molche befällt. Der aus Asien stammende Erreger wurde vor einigen Jahren erstmals in Europa nachgewiesen und hat dort, insbesondere beim Feuersalamander, zu massiven lokalen Bestandsverlusten geführt.
- 07. Feb. 13:00 Uhr Mittershausen (K54)
- 14. Feb. 13:00 Uhr Mitlechtern (Alzenauer Str.)
- 21. Feb. 13:00 Uhr Mitlechtern (B460)
- 14. März 13:00 Uhr Mittershausen (Rückwanderzaun K54)
- 21. März 13:00 Uhr Mitlechtern (Rückwanderzaun B460)
Uhrzeit: Alle Termine beginnen um 13:00 Uhr. Eine kurze Einweisung erfolgt vor Ort, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Kontakt & Anmeldung: Silvia.Fusch@nabu-bergstrasse.de · WhatsApp / Signal / Telefon: 0157 564 03309
Maßnahmen zum Schutz und Erhalt – Rettung mit Grenzen
Ein Schwerpunkt der regionalen Arbeit ist die sogenannte Straßenrettung während der Amphibienwanderung. Entlang stark frequentierter Straßen werden temporäre Schutzzäune errichtet, an denen Ehrenamtliche die Tiere einsammeln und sicher über die Fahrbahn bringen. An mehreren Strecken an der Bergstraße werden auf diese Weise jährlich tausende Amphibien gerettet und gleichzeitig detaillierte Daten zu Arten, Fundzahlen und Witterungsbedingungen erhoben.
Darüber hinaus sind strukturelle Maßnahmen entscheidend: die Pflege und Instandsetzung bestehender Laichgewässer, die Neuanlage von Gewässern im Rahmen der Biotopvernetzung sowie die Renaturierung von Gräben, Überflutungsflächen und Feuchtwiesen. Landesweite Programme zur Sanierung von Amphibiengewässern zeigen, dass solche Maßnahmen Wirkung entfalten können – vorausgesetzt, sie werden langfristig umgesetzt und fachlich begleitet.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass selbst engagierter lokaler Einsatz die großräumigen Ursachen des Rückgangs nicht vollständig kompensieren kann. Straßenrettung und Gewässerpflege können Verluste abmildern, sie ersetzen jedoch keine grundlegenden Veränderungen im Umgang mit Landschaft, Wasser und Klima.
Der Fachvortrag machte deutlich, dass der Rückgang der Amphibien kein Randphänomen des Naturschutzes ist, sondern ein Symptom tiefgreifender ökologischer Veränderungen. Amphibien verschwinden nicht abrupt, sondern schrittweise – oft unbemerkt. Gerade deshalb kommt der kontinuierlichen Erfassung, der fachlichen Analyse und dem lokalen Engagement eine besondere Bedeutung zu. Ob es gelingt, diese Tiergruppe langfristig zu erhalten, wird entscheidend davon abhängen, ob Schutzmaßnahmen über Einzelprojekte hinausgehen und als Bestandteil einer nachhaltigen Landschaftsentwicklung verstanden werden.

