Der Neujahrsempfang des NABU-Kreisverbands Bergstraße am Sonntag, 8. Februar 2026, stieß auf große Resonanz. Mehr als 60 Gäste kamen ins Naturschutzzentrum Bergstraße – so viele wie noch nie zuvor. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Verband und Ehrenamt nutzten den Vormittag für Austausch und Information. Die hohe Anzahl an Gästen machte deutlich, dass Naturschutzfragen in der Region auf breites Interesse stoßen und weit über den engeren Kreis der Engagierten hinaus wahrgenommen werden.

In seiner Begrüßungsrede ordnete der Kreisvorsitzende Michael Kärchner die Arbeit des NABU in einen größeren Zusammenhang ein. Naturschutz, so machte er deutlich, sei keine abstrakte Zielsetzung, sondern beginne konkret vor Ort – in Schutzgebieten, in Planungsverfahren und im Dialog mit Kommunen und Verwaltung. Dabei betonte Kärchner die Bedeutung von Fachlichkeit, Verlässlichkeit und langfristigem Engagement. Gerade in Zeiten zunehmend kontroverser Debatten sei es wichtig, sachlich zu bleiben, zuzuhören und tragfähige Lösungen gemeinsam zu entwickeln.
Kärchner verwies zugleich darauf, dass es im Naturschutz klare Grenzen gebe. Wenn gewachsene Lebensräume, bewährte Schutzstandards oder Beteiligungsrechte in Frage gestellt würden, gehe es nicht um formale Details, sondern um grundlegende Entscheidungen für die natürlichen Lebensgrundlagen. Der NABU verstehe sich dabei nicht als Gegenpol, sondern als konstruktiver Gesprächspartner, der fachlich fundiert argumentiere und Verantwortung übernehme – auch dann, wenn Positionen unbequem seien.

Dass diese Haltung nicht nur im Verband selbst, sondern auch bei den Gästen aus Politik und Verwaltung auf Resonanz trifft, zeigte sich in den anschließenden Grußworten. Matthias Schimpf, hauptamtlicher Erster Kreisbeigeordneter des Kreises Bergstraße, hob den NABU ausdrücklich als starken Partner hervor und schlug die Brücke von der grundsätzlichen Bedeutung des Ehrenamts zu ganz konkreten Projekten. Er ging auf zurückliegende Kooperationen und Unterstützungen ein und machte sichtbar, wie Naturschutz im Landkreis nicht nur aus Überzeugung, sondern auch durch handfeste Rahmenbedingungen möglich wird – etwa durch Finanzierungen, ohne die viele Maßnahmen schlicht nicht umsetzbar wären. In seinen Ausführungen wurde zudem deutlich, wie eng Naturschutzfragen inzwischen mit den großen Linien regionaler Entwicklung verknüpft sind: beim Regionalplan ebenso wie bei konfliktreichen Einzelfragen, die stellvertretend stehen für die Spannung zwischen Nutzung, Veränderung und Erhalt.
Schimpf nannte hier auch ein aktuelles Moorprojekt bei Wald-Michelbach, bei dem Ersatzgelder eingesetzt werden – ein Beispiel dafür, dass Naturschutz nicht nur über Appelle funktioniert, sondern über Instrumente, die Wirkung entfalten können, wenn sie konsequent genutzt werden. Und er sprach das Thema an, das in der Region sinnbildlich für Konflikte steht: die Schwalben an den ehemaligen Kühltürmen in Biblis. Wer solche Fragen ernst nimmt, weiß: Es geht nicht um Romantik, sondern um den Umgang mit Arten, die auf Strukturen angewiesen sind – und um Entscheidungen, die zeigen, ob wir Schutz als Pflicht oder als lästige Randnotiz behandeln.
Frank Daum, Erster Stadtrat der Stadt Bensheim, würdigte den NABU als lokalen Partner und ging auf die aktuellen Rahmenbedingungen kommunalen Handelns ein. Er sprach die angespannte Haushaltslage an, die nicht nur Bensheim, sondern viele Kommunen betreffe, und verwies dabei auch auf die finanziellen Vorgaben auf Landesebene. In diesem Zusammenhang verwies er darauf, dass die Stadt Bensheim seit Jahrzehnten erhebliche Mittel aus dem Grubenzins der Erlache in den Naturschutz investiert.
Vor diesem Hintergrund hob er den Austausch mit dem NABU und die Zusammenarbeit vor Ort als wichtigen Bestandteil hervor, um Naturschutzanliegen auch unter begrenzten finanziellen Voraussetzungen weiterzuverfolgen. Zuvor hatte der NABU-Kreisvorsitzende mit einem augenzwinkernden Hinweis angeregt, bei Gelegenheit vielleicht doch noch den einen oder anderen Spielraum zugunsten des Naturschutzzentrums auszuloten – ein Moment, der für ein Schmunzeln sorgte und den offenen, konstruktiven Ton des Vormittags unterstrich.


Ein besonderer Moment des Vormittags war die Würdigung ehrenamtlichen Engagements – nicht als Pflichtübung, sondern als bewusst gesetzter Schwerpunkt. Denn der NABU ist in seiner Wirksamkeit vor allem dort stark, wo Menschen Verantwortung übernehmen, sich in Themen einarbeiten, andere mitnehmen und am Ende Strukturen schaffen, die bleiben. Genau das spiegelten die Ehrungen wider, die im Rahmen des Neujahrsempfangs verliehen wurden.
Mit der Ehrenmedaille für NABU-Projekte wurde Felizitas Blickheuser geehrt. Gewürdigt wurde damit ein Engagement, das sich durch Beharrlichkeit, fachliche Sorgfalt und einen langen Atem auszeichnet. In ihrer Würdigung machte Laudatorin Anke Diehlmann deutlich, mit welcher Konsequenz Blickheuser sich über Monate hinweg mit den Auswirkungen des Wildschweinzauns in der Maulbeeraue auseinandergesetzt hat. Der Zaun verläuft in einem hochwassergefährdeten Bereich und verhinderte bislang, dass sich Wildtiere bei Hochwasser auf den Deich retten können. Ziel des Engagements war ursprünglich eine vollständige Verlegung des Zauns hinter den Deich.
Auch wenn dieses Ziel nicht vollständig erreicht werden konnte, führte die intensive Auseinandersetzung zu einem substanziellen Kompromiss: Entlang des rund acht Kilometer langen Zaunabschnitts sollen zusätzlich bis zu 15–20 großflächige Durchlässe von jeweils etwa 25 Metern Breite entstehen, die im Hochwasserfall reale Fluchtmöglichkeiten bieten. Das Beispiel zeigt eindrücklich, welche Wirkung es entfalten kann, wenn sich einzelne Mitglieder mit fachlicher Tiefe und Ausdauer in ein Thema einarbeiten und dieses konsequent verfolgen.
Ebenfalls mit der Ehrenmedaille für NABU-Projekte wurde Werner Eck ausgezeichnet. Seine Ehrung stand für eine Form des Ehrenamts, die Wissen, Organisation und Beteiligung miteinander verbindet. Bettina Walter hob in ihrer Laudatio hervor, mit welchem außergewöhnlichen zeitlichen Einsatz und welcher fachlichen Tiefe Eck sich eigenständig in die komplexen Inhalte des Regionalplans Südhessen eingearbeitet hat. Er besuchte zahlreiche Informations- und Fachveranstaltungen, knüpfte Kontakte zu NABU-Gruppen und weiteren Naturschutzakteuren und sammelte Rückmeldungen aus unterschiedlichen Regionen des Landkreises.
Besonders hervorgehoben wurde seine Rolle als Vernetzer und Impulsgeber: Mit einer gut besuchten Informationsveranstaltung mit über 30 Teilnehmenden trug er wesentlich zur innerverbandlichen Meinungsbildung bei. Die gebündelten Anregungen und Stellungnahmen führte er schließlich in einer fachlich fundierten, klar strukturierten Positionierung des Kreisverbands zusammen, die eine wichtige Grundlage für die weitere Arbeit im Regionalplanverfahren bildet.

Den inhaltlichen Höhepunkt bildete der Vortrag der Natur- und Landschaftsfotografin Yvonne Albe. Sie nahm die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Bilderreise durch die schönsten Buchenwälder Europas – von Deutschland über Spanien, Frankreich, Belgien, England und die Niederlande bis nach Slowenien und darüber hinaus. In atmosphärischen Aufnahmen zeigte sie lichte, blütenreiche, farbenfrohe, mitunter verwunschene Wälder – und schuf damit jene seltene Verbindung aus ästhetischer Nähe und fachlicher Einordnung, die Naturschutzkommunikation stark macht: Man sieht nicht nur Schönheit, man versteht auch, warum sie bedroht ist.
Albe erläuterte, weshalb die Buche als „Mutter des Waldes“ gilt: weil sie Wasserhaushalt und Mikroklima beeinflusst, weil sie den Wald in besonderer Weise „stabilisiert“ und weil Buchenwälder zu den kostbarsten Lebensräumen Europas gehören. Zugleich machte der Vortrag die Bedrohungen unübersehbar: Klimawandel, Übernutzung, Abholzung – und die Tatsache, dass naturnahe Buchenwälder heute zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen zählen. Der Blick ging dabei auch in die Geschichte: Nach dem Ende der letzten Eiszeit breitete sich die Buche über Europa aus und prägte weite Teile der Wälder; der Mensch kam, griff ein – und veränderte das Gleichgewicht. Diese Perspektive verlieh dem Vortrag eine zusätzliche Tiefe: Es ging nicht um Nostalgie, sondern um die Frage, ob eine Gesellschaft in der Lage ist, aus Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen.

Zum Abschluss spannte Albe den Bogen vom europäischen Panorama zurück in die Region – und damit mitten in die Wirklichkeit, die der NABU vor Ort täglich erlebt. Sie berichtete von einem konkreten Erfolg: Große Teile des Felsbergwaldes im Besitz der Gemeinde Lautertal wurden seit 2025 als Naturwald ausgewiesen und der Natur überlassen; in stark frequentierten Bereichen am Felsenmeer sollen nur noch dringend notwendige Verkehrssicherungsmaßnahmen erfolgen, gefällte Bäume bleiben als wertvolles Totholz im Wald. Vorausgegangen waren jahrelange Aktionen und Bewusstseinsbildung, getragen von Petition, Naturschutzverbänden, Bürgerinnen und Bürgern, dem Bürgermeister sowie politischen Kräften vor Ort.
Genannt wurde auch die Größenordnung: Knapp 70 Hektar Wald wurden aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen, eingebettet in das Ziel, 15 Prozent Naturwald im Gemeindewald auszuweisen. Ergänzend sollen verdichtete und erodierte Bereiche zeitweise eingezäunt und teils bepflanzt werden; das Regierungspräsidium Darmstadt hat ein Wegekonzept angeboten, um Erholungsnutzung und Regeneration besser zusammenzubringen. Der Erfolg wurde als Ergebnis eines Zusammenspiels vieler Kräfte beschrieben – und damit als Beispiel dafür, dass beharrlicher Einsatz tatsächlich politisches Handeln verändern kann.
Felsenmeer / Felsberg bei Reichenbach – Schutz in der Übersicht
Chronologie (Auswahl, faktenbasiert):
- 1972: Ausweisung des Naturschutzgebiets „Felsberg bei Reichenbach“.
- ab 2004: Bestandteil des europäischen Natura-2000-Netzes (FFH-Gebiet).
- 2021: Start der Petition „Schützt das Naturschutzgebiet am Felsenmeer!“.
- 2023–2024: Politische Diskussionen zur Naturwald-Ausweisung im Gemeindewald Lautertal.
- ab 2025: Große Teile des Felsbergwaldes im Besitz der Gemeinde Lautertal werden als Naturwald ausgewiesen und nicht mehr bewirtschaftet (knapp 70 ha).
– Hessisches Naturschutzregister / RP Darmstadt (Natureg Hessen)
– Natura-2000-Verordnung Hessen, Managementplan FFH-Gebiet Felsberg
– Petition „Schützt das Naturschutzgebiet am Felsenmeer!“ (Change.org), Update vom 28.04.2025
– Berichterstattung Bergsträßer Anzeiger (Gemeinde Lautertal)
Am Ende bedankte sich der Kreisvorsitzende bei allen Gästen und Unterstützenden: bei den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung und Verband, bei den Vorstandskolleginnen und -kollegen, bei allen Helferinnen und Helfern, die Organisation, Auf- und Abbau getragen haben – und damit jenen Teil möglich machten, der oft unsichtbar bleibt, aber über Gelingen oder Scheitern entscheidet. Danach löste sich der offizielle Teil in genau das auf, was ein Neujahrsempfang im besten Sinn sein soll: eine gute Stunde lebhaften Austauschs, ein Get-together, bei dem Menschen miteinander ins Gespräch kamen, sich ein Glas Sekt oder ein anderes Getränk gönnten, Kontakte knüpften, Themen vertieften, neue Fäden aufnahmen. Es war eine Mischung aus sachlichem Austausch und ungezwungener Atmosphäre, an der sich zeigte, wie gut der Verband als Netzwerk funktioniert.

Dass dieser Vormittag so rund verlief, war auch deshalb bemerkenswert, weil der Kreisverband nur zwei Tage zuvor bereits die Jahreshauptversammlung gestemmt hatte. Wer beides erlebt hat, konnte sehen: Hier ist in kurzer Zeit ein großer Schritt gelungen – hin zu Professionalität, Souveränität, einem sicheren Auftreten nach außen. Das zeigte sich nicht zuletzt im Lob der Gäste, die die Veranstaltung ausdrücklich würdigten. Der NABU Kreisverband Bergstraße präsentierte sich an diesem Sonntag als das, was er sein will: nicht als Lautsprecher, sondern als verlässliche Stimme; nicht als Gegenpol, sondern als Gesprächspartner – und als eine relevante gesellschaftliche Kraft, die in der Region Wirkung entfaltet.
Vortrag: „Wunder der Schöpfung – Die Buchenwälder Europas“
Yvonne Albe ist Natur- und Landschaftsfotografin mit einem klaren Schwerpunkt auf Wald- und Baummotiven. In Porträts und Selbstdarstellungen beschreibt sie Wälder als zentrale Inspirationsquelle; ihre Arbeit ist häufig von atmosphärischen Licht- und Nebelstimmungen geprägt.
In ihrem Multimedia-Vortrag „Wunder der Schöpfung – Die Buchenwälder Europas“ führt sie das Publikum fotografisch zu Buchenwäldern in verschiedenen Regionen Europas. Der Vortrag wird in Veranstaltungsankündigungen als Bilderreise durch europäische Buchenwälder beschrieben.
Bildergalerie
Hier ein paar Eindrücke vom Neujahrsempfang des NABU-Kreisverbands Bergstraße – von Gesprächen im Naturschutzzentrum über die Ehrungen bis zum Vortrag.




















