NABU Bergstraße unterstützt Resolution des Landesverbands – Natur wiederherstellen heißt Lebensgrundlagen sichern – Auf der Landesvertreterversammlung des NABU Hessen am Sonntag, 21. Juni 2026, in Wetzlar haben mehr als 130 Delegierte ein deutliches Signal an die hessische Landesregierung gesendet: Der Nationale Wiederherstellungsplan der Natur darf kein allgemein gehaltenes Papier bleiben, sondern muss mit konkreten Zielen, verbindlichen Maßnahmen und einer klaren Umsetzung unterlegt werden.
Foto: Berthold Langenhorst
Der NABU Hessen fordert, dass das Land Hessen seine Verantwortung beim Schutz und bei der Wiederherstellung geschädigter Lebensräume ernst nimmt. Der bisherige Entwurf des Nationalen Wiederherstellungsplans sei aus Sicht des NABU noch zu farblos. Zugleich spricht sich der Landesverband dagegen aus, weitere politische Initiativen zur Außerkraftsetzung des zugrunde liegenden EU-Gesetzes zu starten.
„Das Land muss der Öffentlichkeit vielmehr deutlich machen, welche große Chancen in der Wiederherstellung der Natur für den Schutz unserer Lebensgrundlagen liegen, ohne die ein nachhaltiges Wirtschaften gar nicht möglich wäre“, erklärte Maik Sommerhage, Landesvorsitzender des NABU Hessen. Dabei geht es nicht um abstrakte Naturschutzpolitik, sondern um sehr konkrete Lebensräume und Arten. Sommerhage machte deutlich: „Ob Feldlerche, Laubfrosch, Zauneidechse oder Arnika: Wir brauchen mehr konkrete Maßnahmen für unsere gefährdeten Tiere und Pflanzen.“
Auch der NABU-Kreisverband Bergstraße unterstützt die Resolution ausdrücklich. Denn viele der angesprochenen Themen betreffen Landschaften, Orte und Lebensräume direkt vor unserer Haustür: offene Feldfluren, Hecken, Brachen, Gewässer, Auen, alte Laubwälder und naturnahe Strukturen in Städten und Gemeinden. „Für uns an der Bergstraße ist diese Resolution kein Papier für die Schublade“, sagt Michael K. Kärchner, Vorsitzender des NABU-Kreisverbands Bergstraße. „Wir sehen vor Ort, wie eng Artenvielfalt, Landwirtschaft, Wasserrückhalt, Siedlungsgrün und Lebensqualität zusammenhängen. Wiederherstellung der Natur heißt nicht, irgendwo eine Fläche auf der Karte schöner einzufärben. Es heißt, Lebensräume wieder funktionsfähig zu machen.“
Hintergrund
Was ist der Nationale Wiederherstellungsplan?
Deutschland muss festlegen, wie geschädigte Lebensräume wieder in einen besseren Zustand gebracht werden.
Es geht um Moore, Wälder, Auen, Gewässer, artenreiche Wiesen und Lebensräume in der Agrarlandschaft.
Mit dem Nationalen Wiederherstellungsplan soll Deutschland beschreiben, welche Maßnahmen nötig sind, um geschädigte Ökosysteme wieder funktionsfähiger zu machen.
Grundlage ist die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur. Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, die Wiederherstellung der Natur nicht nur allgemein zu beschreiben, sondern konkret zu planen.
Aus Sicht des NABU kommt es jetzt auf Verbindlichkeit an: klare Ziele, ausreichende Finanzierung, überprüfbare Maßnahmen und eine Umsetzung, die auch vor Ort ankommt.
Wichtige Aufgaben für das Land Hessen
Der NABU Hessen verweist darauf, dass das Land in den vergangenen Jahren bereits wichtige Grundlagen geschaffen hat: etwa mit der Hessischen Biodiversitätsstrategie, der Kooperationsvereinbarung Landwirtschaft und Naturschutz, dem Pestizidreduktionsplan, den Artenhilfskonzepten und den Artenhilfsprogrammen. Entscheidend sei nun, diese Ziele auch in die Praxis zu bringen. Sommerhage formulierte es deutlich: „Es gilt jetzt, diese selbstgesetzten politischen Ziele und Strategien in die Praxis umzusetzen. Wir brauchen mehr Taten.“
Das Land müsse dabei auch seine Vorbildfunktion wahrnehmen und eigene Flächen für die Renaturierung bereitstellen. Aus Sicht des NABU ist Wiederherstellung der Natur keine zusätzliche Belastung, sondern eine Investition in die Zukunft. Sommerhage erklärte dazu: „Der aktuelle Mehraufwand für die Wiederherstellung der Natur rechnet sich. Die Vorsorge für unsere Kinder senkt schon mittelfristig die Kosten für die bevorstehende Anpassung an die Klimakrise.“ Gerade dieser Gedanke ist auch für die Bergstraße wichtig. Hitze, Trockenheit, Starkregen, der Verlust von Artenvielfalt und der zunehmende Nutzungsdruck auf Flächen sind längst keine fernen Probleme mehr. Natur wiederherzustellen bedeutet deshalb auch, die Region widerstandsfähiger zu machen.
Mehr Natur in der Feldflur
Ein Schwerpunkt der Resolution liegt auf der offenen Feldflur. Der NABU Hessen fordert dort mehr Hecken, Brachen und strukturreiche Landschaftselemente. Viele Feldvögel, Insekten, Amphibien und Pflanzenarten sind darauf angewiesen, dass Landschaften nicht immer stärker ausgeräumt werden, sondern wieder Nahrung, Deckung, Brutplätze und Wanderkorridore bieten. „Unsere Feldvögel brauchen eine strukturreiche Landschaft, in der sie genügend Nahrung und Brutmöglichkeiten finden“, erklärte Sommerhage.
Der NABU Hessen spricht sich deshalb dafür aus, einen Biotopverbund auf 15 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche zu entwickeln. Gefährdete Tier- und Pflanzenarten können nur dauerhaft überleben, wenn sie wandern, sich austauschen und neue Lebensräume erreichen können. Dabei geht es nicht um ein Gegeneinander von Naturschutz und Landwirtschaft. Im Gegenteil: Eine vielfältige Landschaft kann auch die landwirtschaftliche Produktivität langfristig stärken. Sommerhage erklärte dazu: „Hecken und Brachen nützen nicht nur der Artenvielfalt, sondern tragen auch dazu bei, die landwirtschaftliche Produktivität zu erhalten. Ob Wasserrückhalt, gesunde Böden oder die Leistung der Bestäuber für den hessischen Apfelwein: Wenn wir der Natur mehr Raum geben, gibt sie uns all diese Leistungen kostenfrei zurück.“
Für den NABU Bergstraße ist genau dieser Punkt zentral. Eine lebendige Feldflur ist nicht nur Lebensraum für seltene Arten, sondern auch Teil einer gesunden Kulturlandschaft. Hecken, Säume, Blühflächen, Brachen und kleine Rückzugsräume können helfen, Landschaften wieder stabiler, vielfältiger und widerstandsfähiger zu machen. „Wir müssen wieder stärker begreifen, dass Natur nicht irgendwo neben unserer Landschaft stattfindet“, so Kärchner. „Sie ist die Grundlage dafür, dass diese Landschaft überhaupt funktioniert – für Tiere und Pflanzen, aber auch für uns Menschen.“
Bergstraße
Was bedeutet das für unsere Region?
Die Wiederherstellung der Natur ist kein fernes EU-Thema, sondern eine Aufgabe direkt vor unserer Haustür.
Feldvögel, Insekten und viele Pflanzenarten brauchen wieder mehr Hecken, Brachen, Säume und verbindende Strukturen.
Naturnahe Bachläufe, lebendige Ufer und alte Laubwälder helfen beim Arten-, Klima- und Wasserschutz.
Auch an der Bergstraße geht es um konkrete Fragen: Wie bekommen Feldvögel wieder mehr Lebensraum? Wie können Bäche, Ufer und Auen naturnäher werden? Wie schützen wir alte Laubwälder?
Gleichzeitig spielt auch der Siedlungsraum eine wichtige Rolle: heimische Bäume und Sträucher, entsiegelte Flächen, Nistmöglichkeiten für Vögel und Quartiere für Fledermäuse können Teil eines größeren Netzes naturnaher Lebensräume werden.
Lebendige Auen und kühle Wälder
Auch Gewässer und Wälder spielen bei der Wiederherstellung der Natur eine wichtige Rolle. Lebendige Auen können Wasser zurückhalten, Grundwasserneubildung unterstützen und zum Hochwasserschutz beitragen. Naturnahe Ufer schaffen Lebensräume und helfen, Landschaften widerstandsfähiger gegen Trockenheit und Starkregen zu machen. Sommerhage erklärte dazu: „Lebendige Auen, in denen sich die Natur wieder ausbreiten darf, unterstützen den Wasserrückhalt, die Neubildung von Grundwasser und den Hochwasserschutz. Deshalb gilt es, den Biber als kostengünstigen Landschaftsgestalter zu fördern und naturnahe Gewässerufer auszuweisen, in denen die Natur frei walten darf.“
Auch alte Laubwälder sind für den natürlichen Klimaschutz unverzichtbar. Sie speichern Wasser, kühlen die Landschaft, binden Kohlendioxid und bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum. Sommerhage betonte: „Alte Wälder kühlen die Landschaft, binden viel Kohlendioxid, dienen als Wasserspeicher und bieten mannigfache Lebensräume für Tiere und Pflanzen.“ Für die Bergstraße mit ihren Wäldern, Bachläufen, Auenbereichen, Streuobstwiesen und Siedlungsrändern ist das ein wichtiger Auftrag. Naturschutz endet nicht an Schutzgebietsgrenzen. Er braucht zusammenhängende Lebensräume, kluge Planung und die Bereitschaft, der Natur wieder mehr Raum zu geben.
Wiederherstellung der Natur beginnt auch im Ort
Die Resolution macht außerdem deutlich: Wiederherstellung der Natur ist nicht nur ein Thema für Wälder, Felder und Gewässer. Auch im Siedlungsraum kann viel getan werden. Heimische Bäume und Sträucher, Fassadenbegrünung, entsiegelte Flächen, Nistmöglichkeiten für Vögel und Gebäudequartiere für Fledermäuse sind konkrete Maßnahmen, die Städte und Gemeinden direkt umsetzen können.
Gerade hier sieht der NABU Bergstraße viele praktische Ansatzpunkte. Öffentliche Grünflächen, Schulhöfe, Vereinsgelände, Friedhöfe, Straßenränder, private Gärten und kommunale Gebäude können Teil eines größeren Netzes naturnaher Lebensräume werden. „Wir brauchen nicht nur große Programme, sondern auch viele kleine, kluge Schritte vor Ort“, sagt Kärchner. „Ein heimischer Baum, eine entsiegelte Fläche, ein naturnaher Bachrand, eine Hecke oder ein Fledermausquartier lösen nicht alles allein. Aber zusammen ergeben solche Maßnahmen genau das Netz, das Artenvielfalt wieder braucht.“
Vom Plan zur Umsetzung
Der Nationale Wiederherstellungsplan ist das zentrale Instrument, mit dem Deutschland die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur umsetzen soll. Er soll beschreiben, wie geschädigte Ökosysteme wieder in einen besseren Zustand gebracht werden können. Entscheidend ist nun, dass daraus kein unverbindliches Papier entsteht, sondern ein Arbeitsprogramm mit klaren Zuständigkeiten, ausreichender Finanzierung und überprüfbaren Zielen.
Der NABU-Kreisverband Bergstraße wird die weitere Entwicklung aufmerksam begleiten und sich weiterhin dafür einsetzen, dass Natur- und Artenschutz vor Ort konkret, verständlich und wirksam umgesetzt werden. Denn am Ende geht es nicht nur um einzelne Arten oder einzelne Flächen. Es geht um die Grundlagen unserer Landschaft: sauberes Wasser, fruchtbare Böden, kühlende Wälder, lebendige Gewässer, artenreiche Feldfluren und Orte, in denen Mensch und Natur wieder mehr Raum füreinander haben. Sommerhage bringt es auf den Punkt: „Letztlich ist die Vielfalt der Natur der größte Schatz unserer Heimat.“
Kommunen
Was Städte und Gemeinden konkret tun können
Viele Maßnahmen sind praktisch, sichtbar und direkt vor Ort umsetzbar.
- heimische Bäume und Sträucher pflanzen
- öffentliche Grünflächen naturnäher pflegen
- Flächen entsiegeln und Regenwasser besser versickern lassen
- Bachläufe, Ufer und Gräben ökologisch aufwerten
- Nistmöglichkeiten für Vögel und Quartiere für Fledermäuse schaffen
- Hecken, Säume, Brachen und Blühflächen in der Feldflur stärken
Wichtig ist der Blick aufs Ganze: Eine einzelne Maßnahme löst nicht alles. Viele kleine und größere Schritte zusammen schaffen aber wieder mehr Lebensräume und Verbindungen für Tiere und Pflanzen.