Der Waldzustandsbericht Hessen 2025 macht erneut deutlich, wie massiv der Druck auf die hessischen Wälder inzwischen ist. Trotz einzelner leichter Entspannungen bleibt das Gesamtniveau der Schäden hoch. Besonders betroffen sind die älteren Bäume sowie die Wälder in der Rhein-Main-Region. Der NABU Kreisverband Bergstraße hat den Bericht ausgewertet und kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Klimakrise ist heute der dominierende Schadensfaktor – und vielerorts stärker wirksam als die historischen Belastungen durch den „sauren Regen“. Diese Einschätzung basiert auf der Auswertung des Waldzustandsberichts 2025.
Landesweit liegt die mittlere Kronenverlichtung aller Baumarten im Jahr 2025 bei 27 Prozent. Bei älteren Bäumen steigt sie auf 31 Prozent, und damit deutlich über die Werte früherer Jahrzehnte. Während die Absterberate mit 0,26 Prozent inzwischen wieder unter dem langjährigen Mittel liegt, hat sich der strukturelle Schaden seit den Dürrejahren 2018 bis 2022 verfestigt. Diese Jahre werden im Bericht ausdrücklich als Phase „sehr starker Schädigung“ bezeichnet; das Niveau hat sich seitdem auf einem deutlich höheren Plateau eingependelt.
Die Baumarten entwickeln sich unterschiedlich. Die Buche zeigt eine leichte Erholung, bleibt aber auf erhöhtem Stressniveau. Ältere Buchen lagen 2024 bei 34 Prozent Kronenverlichtung, 2025 bei 32 Prozent. Die Eiche verharrt hingegen unverändert bei 31 Prozent und zeigt weiterhin keine Trendwende. Die Kiefer verschlechtert sich von 26 auf 28 Prozent Kronenverlichtung. Die Fichte bleibt stark geschädigt; ihre Bestände sind in den vergangenen Jahren durch Trockenheit, Borkenkäferbefall und Windwurf erheblich zurückgegangen. Der Bericht stellt klar, dass nahezu alle Schadensbilder aus einer Kombination von Klimastress und sekundären Schädlingen resultieren. Isolierte Schädlingsbekämpfung reicht daher nicht aus.
Besonders dramatisch zeigt sich die Lage in der Rhein-Main-Ebene. Hier liegen die Werte für ältere Bäume sämtlicher Baumarten bei 44 bis 45 Prozent Kronenverlichtung, während das Landesmittel bei 31 Prozent liegt. Die Eiche erreicht in Rhein-Main 49 Prozent und liegt damit um 18 Prozentpunkte über dem Landesdurchschnitt. Die Buche hatte 2023 einen Höchstwert von 59 Prozent und liegt 2025 noch bei 53 Prozent. Die Kiefer erreicht bis zu 39 Prozent Kronenverlichtung, zudem sind 49 Prozent der Kiefern mit Misteln befallen. Die Wälder im Ballungsraum sind damit eine der am stärksten geschädigten Waldregionen Hessens. Ursachen sind die Überlagerung aus Wärmeinsel-Effekt, Trockenheit, Luftschadstoffen und Belastungen des Grundwassers.
Waldzustandsbericht 2025 – Zahlen, Daten, Fakten
• Mittlere Kronenverlichtung Hessen gesamt 2025: 27 % (ältere Bäume: 31 %, jüngere: 15 %)
• Anteil starker Schäden (Stufe 3 inkl. abgestorbene Bäume): 9 % (wie 2024)
• Absterberate 2025: 0,26 % (unter langjährigem Mittel von 0,45 %)
• Phase 2018–2022: offiziell „sehr starke Schädigung“; Niveau bleibt erhöht
Baumarten im Vergleich
• Buche alt: 34 % → 32 % (leichte Entspannung)
• Eiche alt: unverändert 31 % (weiterhin kritisch)
• Kiefer alt: 26 % → 28 % (Verschlechterung)
• Fichte: weiterhin stark geschädigt, Fläche durch Borkenkäfer, Trockenheit und Sturm stark reduziert
Hotspot Rhein-Main-Ebene
• Ältere Bäume: 44–45 % Kronenverlichtung (Landesmittel 31 %)
• Eiche alt: 49 % (Landesmittel 31 %)
• Buche alt: bis 59 % (2023), 2025: 53 %
• Kiefer alt: bis 39 %, davon 49 % mit Mistelbefall (25 % stark befallen)
Weitere zentrale Erkenntnisse
• Klimastress übertrifft in manchen Regionen die historischen Schäden des „sauren Regens“
• Stickstoffeinträge rückläufig, aber lokal weiterhin oberhalb ökologischer Belastungsgrenzen
• Schäden entstehen fast immer aus Klimastress + sekundären Schädlingen
Auffällig ist auch die Veränderung der Schadensmuster über die Jahrzehnte. Während typische Belastungen des „sauren Regens“ seit den 1990er-Jahren zurückgegangen sind, übertreffen die heutigen klimabedingten Schäden das damalige Ausmaß in manchen Regionen. Der Bericht beschreibt die Geschwindigkeit und Intensität der klimatischen Veränderungen seit einigen Jahren als „einmalig“ im gesamten Zeitraum des Monitorings.
Der NABU Kreisverband Bergstraße sieht im aktuellen Bericht eine deutliche politische Verantwortung. Klimaschutz und Waldschutz müssen enger zusammengedacht werden, denn der anhaltende Wassermangel, weiter zunehmende Versiegelung und steigende Temperaturen setzen allen Waldökosystemen zu. Besonders sensible Waldtypen wie Hutewälder, Stadtwälder und alte Laubwälder benötigen einen höheren Schutzstatus. Diese Wälder sind nicht nur wertvoll, sondern auch besonders stark geschädigt.
Gleichzeitig muss der Umbau hin zu klimaangepassten, naturnahen Mischwäldern konsequent fortgesetzt werden. Das im Bericht beschriebene Entscheidungsmodell „BaEm“ für klimaresiliente Baumartenwahl sollte nach Ansicht des NABU verbindlich angewendet werden. Reine Nadelholzbestände und gleichaltrige Monokulturen gelten nicht mehr als zukunftsfähig. Auch bei industriellen Anlagen, landwirtschaftlichen Emissionen und Verkehr müssen die Stickstoff- und Schadstoffeinträge weiter reduziert werden, da sie vielerorts trotz rückläufiger Werte weiterhin oberhalb ökologisch verträglicher Grenzen liegen.
„Der Waldzustandsbericht 2025 zeigt klar: Waldschutz beginnt nicht im Wald, sondern in der Politik“, sagt Michael Kärchner, Vorsitzender des NABU Kreisverbands Bergstraße. „Wer Wälder weiter schwächt, schwächt die Region – ökologisch, klimatisch und wirtschaftlich. Wenn wir den Zustand unserer Wälder stabilisieren wollen, müssen Klima- und Flächenschutz endlich Priorität bekommen.“
Hintergrund: Wie die Waldzustandserhebung funktioniert
Die hessische Waldzustandserhebung (WZE) wird seit 1984 jährlich durchgeführt und ist Teil des forstlichen Umweltmonitorings.
Sie basiert auf einem Stichprobennetz mit 8×8-km-Raster, im Rhein-Main-Gebiet wegen höherer Belastungen zusätzlich mit 4×4-km-Dichte.
Erfasst werden Kronenverlichtung, Vitalitätsparameter, Boden- und Stoffeintragsdaten sowie witterungs- und klimabezogene Entwicklungen.
Das Verfahren ist europaweit harmonisiert (ICP Forests) und bildet die Grundlage für forstliche Praxis, Gefahreneinschätzungen und politische Entscheidungen.
Neben der Erhebung von Schadmerkmalen werden auch Trends zu Stickstoff- und Säureeinträgen untersucht.
Während typische „Saurer-Regen“-Belastungen seit den 1990er Jahren zurückgegangen sind, haben Extremwetter, Trockenheit und Hitze in den letzten Jahren zu einem neuen, dauerhaft höheren Schadniveau geführt.
Die WZE macht damit sichtbar, wie stark sich Standortbedingungen, Baumartenstabilität und Klimarisiken in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.
Der Bericht 2025 beschreibt die Klimaveränderungen als „in Geschwindigkeit und Ausmaß einmalig“ seit Beginn des Monitorings.