Der NABU Kreisverband Bergstraße hat bei seiner Kreisvertreterversammlung am 6. Februar 2026 in Lorsch eindrucksvoll Bilanz gezogen. Vertreterinnen und Vertreter der NABU-Gruppen aus dem gesamten Landkreis blickten gemeinsam mit Gästen auf ein arbeitsintensives Jahr zurück, das von praktischem Naturschutz, wachsender Öffentlichkeitsarbeit und zunehmender politischer Einbindung geprägt war.
In seiner einleitenden Begrüßungsrede ordnete der Kreisvorsitzende Michael K. Kärchner die Arbeit des Verbands zunächst grundlegend ein. Naturschutz, so machte er deutlich, sei kein abstraktes Ziel und kein kurzfristiger Trend, sondern beginne ganz konkret vor Ort – vor der eigenen Haustür, aber auch im Gespräch und im ehrenamtlichen Engagement. Gerade in einer Zeit, die viele Menschen als laut, widersprüchlich und verunsichernd empfinden, sei der NABU ein Ort für Haltung und Verantwortung. Der Verband stehe nicht für einfache Antworten, sondern für die Überzeugung, dass Natur nicht verhandelbar ist und Engagement auch dann wirksam bleibt, wenn es leise und beharrlich geschieht. Was den NABU ausmache, sei nicht das Einzelne, sondern das Gemeinsame: Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, die ein gemeinsames Ziel verbinde – die Region langfristig lebenswert zu erhalten.
Nach dieser Einordnung überbrachte Stefanie Stüber, stellvertretende Landesvorsitzende des NABU Hessen, ein Grußwort. Sie betonte die zentrale Bedeutung der Kreis- und Ortsebene für den Naturschutz und hob hervor, dass hier sichtbar werde, wie aus ehrenamtlichem Engagement konkrete Wirkung für Arten und Lebensräume entstehe. Zugleich ging sie auf die aktuellen politischen Rahmenbedingungen ein und machte deutlich, dass der Naturschutz auf landespolitischer Ebene derzeit mit spürbarem Gegenwind zu kämpfen habe. Umso wichtiger seien stabile Strukturen vor Ort, fachliche Kompetenz und ein verlässliches Ehrenamt, um Natur- und Artenschutz auch unter schwieriger werdenden Bedingungen wirksam zu vertreten.
Ein wichtiger Punkt der diesjährigen Kreisvertreterversammlung war die bewusste Würdigung langjähriger Mitgliedschaften. Mit der persönlichen Ehrung von Silvia Davis für zehn Jahre NABU-Zugehörigkeit wurde erstmals ein Akzent gesetzt, das Engagement von Mitgliedern sichtbar und ausdrücklich zu würdigen. Darüber hinaus wurde Jürgen Schneider vom NABU Meerbachtal für seine 50-jährige Mitgliedschaft beglückwünscht, dessen Ehrung bereits zuvor in seiner NABU-Gruppe Meerbachtal stattgefunden hatte. Die Anerkennung machte deutlich, wie sehr der Verband vom langfristigen Engagement seiner Mitglieder getragen wird. Der Kreisverband möchte diesem Aspekt künftig bewusst mehr Raum geben.

Im anschließenden Vorstands- und Tätigkeitsbericht zeichnete der Kreisvorsitzende ein breites Bild der Verbandsarbeit. Deutlich wurde dabei, dass Naturschutz an der Bergstraße weit über einzelne Aktionen hinausgeht: von Vogelschutz, Amphibienschutz und Gewässerpflege über Umweltbildung und Veranstaltungen bis hin zu Stellungnahmen, politischer Einordnung und der Vernetzung mit Partnerorganisationen.
Aktuelle Zahlen aus der bundesweiten Mitmachaktion „Stunde der Wintervögel“ verdeutlichten die Herausforderungen im Artenschutz. Bundesweit wurden im Jahr 2026 im Schnitt nur noch 32 Vögel pro Beobachtungspunkt gezählt – ein weiterer Rückgang im langfristigen Vergleich. Gleichzeitig zeigte sich das starke Engagement in der Region: An der Bergstraße beteiligten sich 295 Gärten und 444 Beobachterinnen und Beobachter, die insgesamt 8.944 Vögel aus 60 Arten meldeten. Die Daten liefern wichtige Hinweise für den regionalen Naturschutz und machen Trends sichtbar, die sonst verborgen blieben.
Ein Blick auf die Mitgliederzahlen machte deutlich, wie stark der NABU im Landkreis Bergstraße verankert ist. Mit rund 4.700 Mitgliedern zählt der Kreisverband zu den größten zivilgesellschaftlichen Organisationen der Region. Die Mitgliederzahl entwickelte sich in den vergangenen Jahren insgesamt positiv, zugleich zeigt die Statistik eine klare Altersstruktur: Rund zwei Drittel der Mitglieder sind über 50 Jahre alt, während Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bislang einen kleineren Anteil ausmachen.

In der Versammlung wurde diese Zahl auch politisch eingeordnet. Kärchner betonte, dass 4.700 Mitglieder zugleich 4.700 Menschen mit einer klaren Haltung für Natur- und Umweltschutz seien. „Das sind am Ende auch 4.700 Wählerstimmen“, so der Kreisvorsitzende. Naturschutz sei längst kein Randthema mehr, sondern ein Anliegen, das viele Menschen verbinde und dem auch politisch Rechnung getragen werden müsse.
Das Jahr 2025 war geprägt von zahlreichen Veranstaltungen. Beim Neujahrsempfang im Naturschutzzentrum Bergstraße kamen Teilnehmende aus Naturschutz, Politik und Gesellschaft zusammen. Ein Fachvortrag von Prof. Dr. Simon Thorn von der Vogelschutzwarte Hessen zur Artenvielfalt im Wald und zur Bedeutung von Totholz setzte einen inhaltlichen Schwerpunkt und bot Anlass für intensiven Austausch. Hinzu kamen über das Jahr verteilt Vorträge, Exkursionen und Informationsangebote – von Vogelbestimmung und Stadtökologie über invasive Arten wie die Asiatische Hornisse bis hin zu Themen wie Hochwasserschutz, Renaturierung und dem Zusammenleben von Mensch und Wolf.
Auch der Schwalbenschutz war Thema der Versammlung. Zwar gingen 2025 weniger Bewerbungen für die Auszeichnung „Schwalbenfreundliches Haus“ ein, doch zeigten diese eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Situation vor Ort sein kann: Während in Mörlenbach vier Mehlschwalbennester ausgezeichnet wurden, beherbergt eine Reitanlage in Lampertheim rund 94 Rauchschwalbennester. Gleichzeitig wurde auf strukturelle Verluste hingewiesen, etwa durch den Abriss des letzten Kühlturms in Biblis, der einen wichtigen Brutstandort darstellte. Der Kreisverband sieht hier dringenden Handlungsbedarf, um Ersatzlebensräume zu schaffen.
Ein neues Element der Verbandsarbeit waren 2025 die Netzwerktreffen des Kreisverbands. In drei Terminen kamen Vertreterinnen und Vertreter von NABU-Gruppen, befreundeten Verbänden und Fachstellen zusammen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsame Strategien zu entwickeln. Themen reichten von Datenschutz im Ehrenamt über Gebäudebrüter und Hornissen bis hin zu Flächensicherung und Hochwasserschutz.
Auch das ehrenamtliche Engagement einzelner Persönlichkeiten wurde gewürdigt. Beim Umweltpreis des Kreises Bergstraße im November 2025 stand neben der Preisverleihung die Verabschiedung von Stephan Schäfer im Mittelpunkt, der nach 24 Jahren als Kreisbeauftragter für Vogelschutz sein Amt niederlegte. Der Hauptpreis ging an Wolfgang Wenner aus Wald-Michelbach, der seit über 25 Jahren den Natur- und Artenschutz im Odenwald maßgeblich mitprägt.
Mit einem „faktenstark“-Workshop griff der Kreisverband zudem ein zunehmend wichtiges Thema auf: den Umgang mit Desinformation im Klima- und Umweltschutz. Die Teilnehmenden setzten sich praxisnah mit Manipulationstechniken, Einordnung von Informationen und sachlicher Kommunikation auseinander – ein Angebot, das auf große Resonanz stieß und fortgesetzt werden soll.
Ein wichtiger Baustein für die Zukunft des Verbands ist die Kinder- und Jugendarbeit der NAJU, die im Kreisverband von Anke Diehlmann begleitet wird. Im Berichtszeitraum wurde die Zusammenarbeit zwischen dem NABU Kreisverband Bergstraße und dem Naturschutzzentrum Bergstraße weiter ausgebaut. Durch eine neue Kooperation erhalten NABU-Mitglieder finanzielle Zuschüsse für ausgewählte Angebote, zudem profitieren sie bei bestimmten Veranstaltungsformaten von einer 50-prozentigen Ermäßigung. Ergänzt wurde dies durch NAJU-Fortbildungen und Vernetzungsangebote, in denen Aktive praxisnahes Wissen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erhielten – von Naturpädagogik über Artenkenntnis bis hin zur Umsetzung eigener Aktionen.

Ein Schwerpunkt der praktischen Naturschutzarbeit bleibt der Amphibienschutz, der im Kreisverband von Silvia Fusch koordiniert wird. Im Jahr 2025 wurden an zahlreichen Einsatzorten im Kreisgebiet insgesamt 8.730 Amphibien gerettet. Möglich wurde dies durch mehr als 1.350 ehrenamtliche Einsatzstunden, tausende gefahrene Kilometer, den Auf- und Abbau temporärer Schutzzäune, nächtliche Kontrollen sowie Gewässerpflege und Monitoring. Ohne diese Maßnahmen, so wurde deutlich gemacht, läge die Todesrate bei Amphibien aufgrund des heutigen Verkehrsaufkommens bei rund 90 Prozent.
Der Kassen- und Haushaltsbericht zeigte eine insgesamt solide finanzielle Situation. Dr. Klaus G. Wolff, Schatzmeister des Kreisverbands, stellte die Zahlen vor. Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden standen gezielten Ausgaben für NABU-Gruppen, Artenschutzprojekte, Öffentlichkeitsarbeit und laufende Verbandskosten gegenüber. Nach dem Bericht der Kassenprüferinnen und -prüfer wurde der Vorstand entlastet und der Haushalt für 2026 verabschiedet.
Zum Abschluss richtete sich der Blick nach vorn. Für 2026 sind unter anderem eine öffentliche Podiumsdiskussion im Vorfeld der Kreistagswahl, weitere Netzwerktreffen, zahlreiche Exkursionen sowie ein großes Mitgliederfest im September geplant. Der Kreisverband versteht sich dabei zunehmend als Service- und Unterstützungsebene für die NABU-Gruppen vor Ort – fachlich, organisatorisch und kommunikativ.
Die Kreisvertreterversammlung endete mit einem ausdrücklichen Dank an alle, die den NABU Kreisverband Bergstraße tragen: an die Engagierten in den Gruppen, an die Ehrenamtlichen draußen im Gelände, an die Organisierenden im Hintergrund – und an alle, die sich in irgendeiner Form für Natur und Umwelt einsetzen.